Die Zeit
Die Musik, wie alles Lebendige, findet – selbstverständlich – in der Zeit statt. Die Zeit ist für jedes Kind etwas Selbstverständliches, worüber man gar nicht nachzudenken braucht. Die Physiker jedoch rätseln zu Recht darüber. Jeder, der auf der Bühne geht, weiß: Die Zeit auf der Bühne ist nicht gleich mit der, mit Uhren messbaren statistischen Zeit. Ist die Zeit auch lebendig? Bewegt sie sich, atmet? Ist sie, genauso wie die Materie, in Schwung begriffen?
Die zwingend sich bewegende Materie verbraucht die durch ihre Bewegung entstehende Zeit. Jede Bewegungsmöglichkeit erschafft ihre eigene Zeit; die Existenz der Zeit impliziert also die Existenz einer Bewegung. Vor nicht allzu lange wurde die verbindliche statistische Zeit – eine wirtschaftliche Notwendigkeit – weltweit eingeführt. Noch leben Menschen, (wie übrigens auch ich persönlich!) die sich des mittäglichen Kanonendonners erinnern: Der Zeitpunkt, die höchste Position der Sonne war hiermit verbindlich für die Donner-Sphäre festgelegt: Punkt 12:00 Uhr. Die billig werdenden Zeitmessinstrumente der Folgezeiträume haben die allgemeine Gültigkeit der mathematischen Unterteilung der Drehung der Erde um sich selbst, als Inbegriff der Zeit besiegelt. Durch präzise und noch präzisere Messungen glauben nun die Menschen, auch die Zeit zu beherrschen. Ich glaube, all die präzise Zeitmessinstrumenten legen fortwährend das allgemeine Interesse an den Phänomenen der Zeit lahm, können jedoch unser Gespür für die lebendige Zeit nicht zerstören. Heutzutage klagt man überall über Zeitmangel oder Zeitüberfluss. Wenn die Zeit sich aber plötzlich anders als gewohnt verhält, versetzen ihre „in Auge stechenden“ Phänomene die Menschen in helles ungläubiges Erstaunen. Deren Augenzeugen können öfters diese Phänomene nicht akzeptieren und blenden sie deswegen völlig aus.
Eine Story: Damals muss ich 15jährig gewesen sein. Frühmorgen wochentags bin ich mit der Straßenbahn zum Musikgymnasium in Sofia gefahren, um noch vor dem um 8:00 Uhr beginnenden Unterricht zwei Stunden die Violine gestreichelt zu haben. Die Tram bestand aus Triebwagen mit zwei Anhängern. Es gab damals keine sich automatisch schließende Türen. Zu dieser Tageszeit war die Straßenbahn so überfüllt, dass man glücklich war, einen Platz für den halben Fuß auf dem Trittbrett gefunden zu haben; Frauen dürften nur drin fahren. Die Haltestelle war vor einer Kurve entlang des Parks unseres Viertels so voll mit Wartenden, dass ich, damals so ungeduldig, immer in der Kurve wartete, um dann, der Hilfsbereitschaft der Männer sicher, auf einem der unteren Trittbretter der schon fahrenden Tram einen halben-Fuß-Platz zu ergattern. An dem Morgen, wo sich eine für uns, die Zeugen dessen, unbekannte Eigenschaft der Zeit offenbaren sollte, habe ich, wie immer, meine Chancen einschätzend, den bereits fahrenden Zug beäugt. Wie an jedem Morgen hingen Männertrauben an allen Plattformen, das hintere Trittbrett des ersten Anhängers war aber leer. „Was für dumme Leute...“ – dachte ich mir und nahm Anlauf. Der Tram beschleunigte schon auf der geraden Strecke, ich musste mich ziemlich anstrengen. Dann sprang ich auf und griff nach dem Henkel. Oh Gott, der kam mir entgegen, er war oben lose!
„Siehste, nicht die Leute, Du bist dumm!“ – schoss es mir durch den Kopf. Nun flog ich. Die volle Schultasche ließ ich fallen, die Geige umarmte ich vor mir. Hier ist ein kleiner Filmriss eingetreten. Im nächsten bewussten Moment nahm ich wahr, dass ich auf dem Kopfpflaster sitze, die Beine, knapp unter den Knien, quer zur Bahnlinie. „Nicht gut! Gleich kriegst Du beide Beine abgeschnitten. Dreh Dich! Doch nicht linksherum, weil die Räder des dritten Wagens Deinen Beinen entgegen kämen, sondern rechts. Dann hast Du etwas mehr Zeit.“ Gedacht, getan. Ohne Hast, ohne Eile, in das für mich normale Tempo. Nun saß ich parallel zur Linie. „Leg’ Dich nun hin, den Kopf auf die Pflastersteine. Später wirst Du Deine Haare waschen. Das Trittbrett ist ja tief.“ Ich überwand meinen Ekel. „Und jetzt leg’ die Geige rechter Seite, sonst nimmt sie Dir die unterste Stufe des Trittbretts mit.“ Ich gehorchte. Dann schwebte über mich die Männertraube der ersten Plattform des dritten Wagens. Ich betrachtete eingehend derer Schuhsolen, sah, dass einige Männer langen Unterhosen trugen, andere ohne Socken waren; bedauerte insgeheim, dass Mädchen und Frauen nur im Inneren des Wagens fuhren... „Warte, die hintere Plattform kommt noch!“ Nach einer Ewigkeit betrachtete ich das gleiche Bild von unten nochmals. „So, jetzt kannst Du aufstehen.“ Ich setzte mich. Plötzlich ist mein Gehör zurückgekehrt, mir ist bewusst geworden, dass ich all die Zeit nichts gehört hatte. Meine prall gefüllte Schultasche lag auf der äußeren Straßenbahn-Linie, eine ihrer unteren Ecken war mitsamt der etwa zusammen 7-8 Zentimeter dicken Schulbücher durchschnitten, hing bloß an den beiden Nähten. Ich hob die Tasche auf. Alle Umstehenden starrten auf mich mit weit aufgerissenen Augen und geöffneten Mündern. „Ist was?“ murmelte ich und ging zum Mäuerchen des Parks, um, darauf sitzend, die Geige zu inspizieren. Alle drehten sich stumm, meiner Bewegung folgend und auf mich starrend. Mir war bange, dass ich während des Tohuwabohus womöglich den Geigenkasten zerdrückt haben könnte und der Steg im Korpus der Violine eingebrochen wäre. Die Geige war, Gott sei es gedankt, heil. So schloss ich sie und bedachte, dass ich nun, wohl oder übel, auf die nächste Tram warten muss. Die Menschen starrten mich weiterhin schweigend und still, an. Niemand rührte sich. Dann habe ich es plötzlich realisiert. Wie war’s nochmal? In den Bruchteilen einer Sekunde, die Zeit, welche die vorderen Räder des dritten Wagens benötigten, um zu der Stelle, wo ich gefallen war, drüber zu rollen, habe ich all die Überlegungen und dessen Vollzug erlebt. Aber ich weiß, dass die Zeit normal, wie immer, floss! Ich habe mich nicht einmal beeilt! Ich hatte das Empfinden, ich wusste, dass ich ganz ruhig und zielgerichtet nachgedacht und gehandelt hatte. Ob ich tatsächlich nachdachte, oder die Worte in mir einfach erschienen sind, war und bin ich mir nicht sicher. Die Trittbretter des nächsten Wagens schwebten so langsam über mich, dass ich förmlich die Haare auf den Beinen der Männer hätte zählen können! Dann müssten all die Prozesse in meinem Körper und Geist mit ungeheurer Geschwindigkeit abgelaufen sein, so dass die Bruchteile einer Sekunde der objektiv (statistisch) gemessenen Zeit für mich zumindest einige Minuten hergäben. Seitdem habe ich vieles über die Ausdehnung der Zeit gelesen und gehört. Ist es eine Verwirbelung der Zeit gewesen, ähnlich wie die String Theorie es für den Raum annimmt? Oder sind unterschiedliche Zeitsphären neben- bzw. ineinander gewesen? War es der Schutzengel?
Ich stand auf und ging Heim, von den starren Blicken der weiterhin verstummten Menschen begleitet. Natürlich kannten wir uns. Nähere und weitere Nachbarn. Jeder Morgen in der Woche warteten wir alle zusammen auf die Tram. Die nächsten Tage und Monate nach dem Wunder der Zeitverwirbelung vergingen, ohne dass jemand es auch nur mal erwähnte. Wenn meine zerschnittene Schultasche und -bücher nicht da wären, hätte ich auch geglaubt, geträumt zu haben. Die statistische Zeit entzieht den Menschen die Beziehung, die Achtsamkeit und die Liebe zu den Geschehnissen der Welt. Wenn die Zeit dennoch manchmal natürlich verläuft, was nicht unbedingt gewöhnlich heißt, glauben die Menschen, die Zeuge dessen geworden sind, ihren Augen und Ohren nicht und verdrängen lieber das Gesehene. Anders kann ich mir das Verhalten meiner da anwesenden näheren und weiteren Nachbarn nach dem Abenteuer mit der Straßenbahn nicht erklären. Vielleicht hätte ich an deren Stelle genauso reagiert, bloß das Schicksal hat mich in der Rolle des Protagonisten eingesetzt. Seit diesem Erlebnis bin ich sensibilisiert, die Unterschiede der parallel bzw. simultan ablaufenden Zeiträume feinfühliger wahrzunehmen.
Meine Vermieterin war schon auf: „Wo gehst Du denn jeden Morgen so früh hin?“ Sie meinte, ich könne frühmorgens auch in meinem Zimmer die Geige spielen. Ab dann fuhr ich mit der letztmöglichen Tram zur Schule.